Meine liebe Schwester!

An deine Geburt kann ich mich nicht erinnern, obwohl du, genau wie ich, zu Hause das Licht der Welt erblickt hast. Aber deine Taufe in unserer damaligen kleinen Wohnung ist mir im Gedächtnis erhalten geblieben. Es waren so viele Gäste da, dass ich mich unter dem Tisch verkroch. Wie gesagt, wegen der vielen Tanten und Onkel – nicht deinetwegen.

Unser Lebensweg begann nun gemeinsam. Wir denken wohl beide dankbar an unsere Kinderzeit zurück, an die ersten Frühlingstage, an denen wir regelmäßig Mutti nervten, dass wir endlich Kniestrümpfe anziehen wollten, an die schönen Sommertage in der Badeanstalt direkt vor unserem Elternhaus, an den Herbst mit der Obsternte und das Toben im Schnee und Eis im Winter.

Wir bekamen stets die gleichen Kleider, du das kleine, ich das größere. Erinnerst du dich noch an das „Abendkleid“ mit dem Samtoberteil? Und zum Schützenfest gab’s ein hübsches Sommerkleid. Oma strickte für uns die gleichen Pullover, die gleichen Strümpfe, die gleichen Jacken. Sogar Badeanzüge haben sie uns einmal gestrickt – beide gleich.

Äußerlich waren wir ziemlich gleich, ich ein Stückchen größer, du besonders „niedlich“. Aber da war von Anfang an etwas anders zwischen uns als zwischen anderen Geschwistern. Du konntest „nicht gut hören“.

Nach anfänglicher Skepsis unterer Eltern, dass du eventuell nur hören kannst, was du hören willst, wurde aber dann von einem Ohrenarzt bestätigt, dass dein Hören beeinträchtigt ist. Für mich, als deine ältere Schwester, bedeutete das, dass ich ständig für dich zu „sorgen“ hatte. Wenn Mutti uns von der Tür aus rief, weil wir zum Essen kommen sollten, dann rief sie immer nur meinen Namen. Ich wusste aber, dass ich nicht allein gemeint war, sondern sorgte dafür, dass du mitkommst. „Pass’ schön auf sie auf!“ Das war mein Auftrag als „große“ Schwester. Ich hielt dich bei der Hand, nicht nur auf diesem Foto. Trotzdem warst du eine eigenständige Persönlichkeit, hattest vielfältige Talente, hattest deine eigenen Freundinnen. Und hast sie noch.

Als wir beide die Mittelschule besuchten, warst du oft böse auf mich, wenn die Lehrer zu dir gesagt hatten: „Was deine Schwester kann, das kannst du auch!“ Auf welch intelligente, eigenständige Weise du deine Hörbehinderung überspielt hast, ist den Lehrern sicherlich nie ganz klar geworden. Du hast die Schule geschafft – genau wie ich.

Mit der Heirat und dem Verlassen des Elternhauses trennten sich unsere Wege. Aber die Fürsorge für dich blieb in mir haften. Wenn wir zusammen waren, achtete ich stets darauf, ob du alles mitbekamst, was gesprochen wurde. Dein Hören hatte sich drastisch verschlechtert, bis man dir eines Tages mitteilte, dass du taub seiest. Es begann eine traurige Zeit für uns alle.

Dein Mann hatte inzwischen problemlos meine Aufgaben des Mithörens für dich übernommen. Du konntest „nur“ noch von den Lippen lesen. Niemand hat es dir je beigebracht. Es war schwer, auch für uns. In Gesellschaft war ich (fast) nie unbekümmert. Ich hatte dich immer im Blick und wusste genau, ob du etwas verstanden hattest oder nicht. Du warst eine „Schauspielerin“, wolltest uns nicht ständig mit Nachfragen belästigen. Beim Einkaufen sprachen die Verkäufer nur mit deiner Familie oder mit mir und gaben sich keine Mühe mit dir. Das machte dich zornig! Du wolltest es allein schaffen und hast uns verboten, dass wir uns in ein Gespräch einmischen. Wir sollten dich loslassen. Es war schwer, die einmal anerzogene sowie aus eigener Einsicht notwenige Hilfe zu unterlassen. Aber wir haben es – glaube ich – geschafft. Andererseits wird unsere Wachsamkeit dir gegenüber fortbestehen. Und wenn wir einmal nicht auf der Hut sein sollten: Verzeih!

Deine Cochlear Implant-Operation hat dir, Gott sei Dank, ein neues Hören ermöglicht. Vieles ist besser geworden, vielleicht wird es mit den Jahren noch besser. Wer weiß, was deinem Professor Lehnhardt noch alles einfällt?

Und vielleicht kann ich irgendwann ganz gelassen am Heiligen Abend in der Kirche sitzen, wenn das Licht ausgeht und der Pastor seine Predigt beim Kerzenschein hält. Weil auch du alles verstehst...

Deine Schwester

Anm. d. Red.: Die Schwester von Hanna Hermann, Redakteurin Schnecke

Heike Fedderke
Schwalbenweg 10
21737 Wischhafen