Eine dumme Kuh schwimmt immer gegen den Strom... kläff kläff
Mit obigem Zitat will ich meine Gedanken beginnen, denn ich sage es gleich: Ich werde mit diesen Zeilen nicht uneingeschränkt in den allgemeinen Jubel über das CI und seine Möglichkeiten einstimmen. Ich ziehe den Kopf schon jetzt ein, denn hier wird bereits die erste Welle der Empörung über mich hereinbrechen. Ich möchte deshalb vorweg sagen, dass mich ein Hörgeschädigter (Leiter einer SHG) zu diesem Essay ermutigt hat: „Solche Gedanken habe ich noch nie gehabt. Schreibe sie mal an die Schnecke.“

Kurzinfo: Ich betreue zwei mehrfachbehinderte CI-Kinder als Einzeltherapeutin und habe zwei weitere CI-Kinder in meiner ersten Klasse (gehörlos geboren – eines erhielt vor vier bis fünf Jahren ein CI, das andere vor einem halben Jahr).

Meine Frage, die sich im Alltag meiner Tätigkeit im Kindergarten einer Einrichtung für Hörgeschädigte stellt, ist zunehmend diese: Sind wir schon in der Lage und haben wir die Möglichkeiten, bei gehörlos geborenen und mehrfachbehinderten CI-Kindern mit diesem „Zauberding CI“ wirklich verantwortungsvoll umzugehen, und haben wir uns wirklich mit allen Fragen befasst, die wir uns stellen müssten? Es wird und kann vielen Eltern nicht gefallen, wenn sie jetzt lesen, was ich schreibe. Dennoch denke ich, dass sie im Interesse ihrer Kinder weiterlesen sollten.

CI-Impressionen einer Lehrerin und Einzeltherapeutin für Hörgeschädigte

Elternwille ist Gesetz
So lobenswert ich diese Worte finde, so wütend machen sie mich, wenn ich an einige gehörlos geborene mehrfachbehinderte CI-Kinder denke, die mir im Laufe meiner Tätigkeit begegnet sind oder über die Kollegen mir erzählt haben. Ich muss gestehen, dass ich es satt habe, in Aus- und Fortbildung immer diese Bilder von CI-Wunderkindern vorgeführt zu bekommen. Ich muss dabei immer mehr an Werbespots im Fernsehen denken: Beiden ist gemeinsam, dass sie ein Idealbild zeigen und geheime Wünsche ansprechen, die sich in den seltensten Fällen auch so erfüllen, wie man sich das vorgestellt hat.

Wo aber zeigt man z.B. einmal CI-Kinder wie „meine“ Sally? Sie erhielt vor drei Jahren ein CI, obwohl psychologische und pädagogische Gutachten dagegen sprachen. Es ist durchaus nicht so, dass wir ein mehrfachbehindertes Kind von einer Sinneserfahrung ausschließen wollen, sie also für unwert hielten – nein! Es war lediglich abzusehen, dass dieses Kind mit diesen neuen Sinneseindrücken nicht zurechtkommen würde. Sally erhielt ihr CI. Ihr erging es ebenso wie vielen von den Kindern, die in speziellen Instituten überprüft werden, weil entweder die Hörunfähigkeit nicht genau feststand oder der spätere Ausnutzungsgrad fraglich blieb. Mir ist bekannt, dass die Gutachten von dort anscheinend nicht viel zählen, denn unabhängig vom Urteil der Fachleute wird dann doch operiert. Elternwille ist Gesetz und Ärzte argumentieren: Wenn ich es nicht tue, tut’s ein anderer. Sally hört. Leider muss ich hinzufügen, dass sie Geräusche offensichtlich erst mit einer Sekunde Verzögerung wahrnimmt und so gut wie nie darauf reagiert, und auf Sprache reagiert sie gar nicht. Lautäußerungen von ihr sind selten. Sie kann ihre Mundmotorik nicht differenziert beeinflussen, bei Freude oder Unmut mümmelt sie vor sich hin und wird dann wieder stumm. Sie bemerkt nicht, dass die Batterie des Sprachprozessors leer ist, sie läuft auch mit einem defekten Gerät herum. Wenn es dann repariert wird, reagiert sie beim Einschalten mit Tobsuchtsanfällen. Sie ist auch nicht in der Lage, sich auf das Gesicht eines Menschen zu konzentrieren, sodass sie bisher nicht verstanden hat, warum wir unsere Lippen bewegen. Nach Jahren des Versuchs, sie für das Hören zu sensibilisieren, haben wir nun die Gebärde eingeführt, um ihr überhaupt eine Möglichkeit der Mitteilung zu geben, jedoch beherrscht sie nach einem halben Jahr auch nur etwa zwanzig Gebärden und diese auch nicht sicher. Das Lernen fällt ihr schwer, sie leidet auch unter Absencen; dann sieht sie durch mich hindurch und ich kann vor ihr Theater spielen, sie sogar berühren – sie merkt es nicht. Das Lernen und Denken scheint ihr fast körperlich weh zu tun. Sie verzweifelt dann oder tobt vor Wut. Oft bleibt nichts als sie zu trösten oder einfach in Ruhe zu lassen. Ich habe sehr oft ein schlechtes Gewissen, weil ich so darauf fixiert sein muss, diesem Kind einige Kulturtechniken beizubringen. Ich merke, dass ich sie damit quäle, denn da ist nichts von einem lernbegierigen sechsjährigen Mädchen an ihr. Sally war und ist ein schwer mehrfach behindertes Kind. Wer hatte das Recht, dieses Kind auf einen Operationstisch zu zerren, nur damit es vielleicht nachher ein wenig unseren Vorstellungen genügt? Für die Eltern ist sie nun eine noch größere Enttäuschung als vorher. Wer lässt sich weiterhin auch gern sagen: Sehen Sie, das haben wir ja vorher gewusst. Sally kommt dieses Jahr in die Schule – ohne aktive oder passive Sprache, ohne die Möglichkeit und oft auch ohne Bedürfnis, sich mitzuteilen, aber mit einem CI! Elternwille ist Gesetz...

Andrea Liedtke

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