Elterliche Paarbelastungen
nach der Diagnose einer hochgradigen peripheren Hörstörung – oftmals ein jahrelanger Prozess

1.1 Mütter und Väter cochlea-implantierter Kinder schildern die Auswirkungen der Hörstörungen auf die Paarbeziehung

Das Belastungsempfinden dreier Elternpaare durch die Diagnose der Hörschädigung ihres Kindes ist Thema dieser Arbeit. Das Hörvermögen dieser Kinder war für die Sprachwahrnehmung und den Spracherwerb nicht ausreichend. Diese Eltern entschlossen sich deshalb, ihre hörgeschädigten Kinder einer Cochlea Implantation (CI) zu unterziehen. Das CI ermöglichte diesen Kindern, nun die Sprache wahrzunehmen und zu verarbeiten.

Väter und Mütter behinderter Kinder sind ebenso Eltern wie Eltern nicht behinderter Kinder. Dieses Gefühl der Normalität wieder zu erlangen, ist ein Bedürfnis dieser Eltern. Sie sind die ersten Bezugspersonen ihrer hörgeschädigten Kinder und die psychische Verfassung der Eltern kann sich auf die Eltern-Kind-Interaktion auswirken (Voss 2003, S. 395). Wie schaut deren Lebenswelt aus? Das war die zentrale Frage.

Eltern behinderter Kinder müssen sich mit der Diagnose der Behinderung ihres Kindes mit einer meist unerwarteten Rolle auseinander setzen. In bisherigen Studien lag das Hauptaugenmerk vor allem auf den Auseinandersetzungsprozessen der Mütter. Diese Einseitigkeit kam wahrscheinlich durch die Rollenzuschreibung an die Mütter zustande, gelten sie doch als tragendes Element der Kindererziehung und familiären Bearbeitung von emotional belastenden Ereignissen. Die den Vätern zugeschriebene Rolle basiert mehr auf Sachlichkeit, Stärke und Unerschütterlichkeit. Dass dem nicht immer so ist, kann man in dieser Arbeit erfahren. Väter leiden mehr als man vermuten könnte unter der Behinderung ihres Kindes. Sie sind gefühlvoller und schwächer als gemeinhin angenommen und leiden unter dem gängigen Rollenbild der Männlichkeit. Mütter wie Väter haben in dieser Situation mit großen psychischen und physischen Belastungen zu kämpfen, um ihre neue Elternrolle übernehmen zu können (vgl. Hinze 1999, S. 26ff).

Erfreulich und überraschend waren für mich die Offenheit der Eltern und die Tiefe der Interviews, erschreckend die langen und leidvollen Jahre der Auseinandersetzung mit der neuen Elternrolle. Diese Erfahrungen haben mich in der Sinnhaftigkeit dieses Themas bestärkt, anderen Einblick und Verständnis für die familiäre Situation von Eltern eines Kindes mit einem CI geben zu können. Die Belastung durch die Behinderung ihres Kindes birgt für die Eltern oft eine tiefe, jahrelang anhaltende seelische Erschütterung. Eltern fühlen sich in ihren Lebenszielen, Wertorientierungen und Wünschen zutiefst bedroht. Sie sind mit ihrer gesamten Persönlichkeit davon betroffen und allzu oft bei der Bearbeitung dieser Lebenskrise auf sich selbst gestellt. Die Art und Weise, wie sich Eltern der Auseinadersetzung stellen, hängt von deren subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen ab. Die soziale Umgebung und die Gesellschaft spielen jedoch in diesen Prozessen eine tragende Rolle. Durch die gesellschaftliche Grundhaltung gegenüber Behinderungen werden Eltern in ihren Handlungen von außen mitbestimmt. Sie haben diese Werte und Vorurteile gegenüber einer Behinderung verinnerlicht und müssen ihre Einstellungen im Auseinandersetzungsprozess mit der Behinderung ihres eigenen Kindes hinterfragen und überdenken, um das innere Gleichgewicht wieder zu finden (vgl. Engelbert 1999). Auch die partnerschaftliche Beziehung, Beziehungen zu Freunden, Verwandten und Geschwistern können unter dieser tiefen persönlichen Erschütterung leiden (vgl. Miller 1997, S. 146ff). Die Auseinandersetzungsprozesse mit der Behinderung ihrer Kinder bedeuten für die Eltern immer eine Veränderung und bergen auch die Gefahr des Scheiterns.

 

(...)

 

Mag. Peter Ganahl

Psychologe an der klinischen Abteilung für Hör-, Stimm- und Sprachstörung der Universitätsklinik Innsbruck

Anichstr. 35

A-6020 Innsbruck

E-Mail: mag.ganahl@gmx.at

  

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