Ein langer Weg zu einer guten Entscheidung

1990 war es, glaube ich, als ich merkte, dass ich langsam schwerhörig wurde. Es fing in der Schule an, wo ich nicht mehr alles mitbekam. Ich ging zum HNO-Arzt und bekam mein erstes Hörgerät verschrieben, ein Jahr später während des Studiums dann das zweite. Ich kam sehr gut damit zurecht und hatte mich nach recht kurzer Zeit als vollkommen normal hörend angesehen. Doch bald wurde mein Gehör wieder schlechter und ich bekam auch Probleme im Studium, weil ich nicht mehr alles verstand. In dieser Zeit hatte ich mir aber über mein Hören nicht zu viele Gedanken gemacht. Ich arbeitete nebenbei und wollte erstmal Geld verdienen und das Leben genießen. Das Lehramtsstudium schien mit meinem schlechten Hören aber nicht wirklich die richtige Wahl gewesen zu sein und ich brach es ab.

Ich arbeitete vollzeitlich bei einem großen Fast-Food-Unternehmen, wo ich mich nicht zügig weiterbilden konnte, um beruflich aufzusteigen. Ich wurde Vorarbeiter und bekam 1996 das Angebot, als Management-Assistent nach Sylt zu wechseln. Wer hat schon so ohne weiteres die Möglichkeit, dort zu leben und zu arbeiten, wo andere Menschen Urlaub machen? Also wechselte ich kurzerhand von meiner Heimatstadt Flensburg auf die Insel. Dort arbeitete ich mit Leidenschaft und Engagement, immer im Dienst der Zufriedenheit der Gäste.

Doch auch hier zog sich die Verschlechterung meines Gehörs weiter wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich wurde launisch und depressiv. Immer öfter musste ich meine Hörgeräte daraufhin überprüfen lassen, ob noch etwas machbar war. Oder aber ich bekam wieder einmal stärkere Geräte... Immer wieder war ich beim HNO-Arzt, um Hilfe zu bekommen, damit ich mein Leben und meine Zukunft in die eigenen Hände nehmen konnte. Doch ich bekam nur Medikamente zur Förderung der Durchblutung im Innenohr oder eine Überweisung zu einem Akustiker.

1999 war es dann soweit: Nach einer Reihe schwerer Mittelohrentzündungen hörte ich so gut wie nichts mehr und war nahezu ertaubt. Ich wurde krank und konnte so auch nicht mehr arbeiten. Ich bezog nahezu achtzehn Monate lang Krankengeld und musste danach meinen Beruf aufgeben.

Schon während dieser Zeit zog ich mit meiner damaligen Freundin nach Lübeck, doch unsere Beziehung hielt nicht mehr sehr lange, was auch mit meiner unbefriedigenden Situation zusammenhing. Meine eigene Unzufriedenheit machte immer mehr auch meinem Umfeld zu schaffen. Ich zog mich mehr und mehr zurück und war nicht mehr interessiert daran, mich mit meinen Mitmenschen auseinanderzusetzen. Ich nahm immer mehr zu, da ich mich immer allein mit irgendetwas Essbarem voll stopfte als Folge meines Frustes.

Ich bekam nochmals neue Hörgeräte und diese hatten wieder etwas mehr Leistung. So konnte ich von 2001 bis 2003 eine Umschulungs-Maßnahme der Agentur für Arbeit ohne größere Ausfälle absolvieren. Nur zum Ende machte sich sehr deutlich bemerkbar, dass ich wohl am Ende der Fahnenstange angelangt war. Ich schaffte die mündliche Prüfung eher schlecht als recht, obwohl ich in allen Fächern schriftlich gut bis sehr gut war.

Bei Vorstellungsgesprächen gab es auch Probleme. Mit Lippenablesen, Kombinieren und dem Hörrest konnte ich fast alles verstehen, doch ich musste ja darauf hinweisen, dass für mich ein spezielles Telefon und weitere Hilfsmittel notwendig seien. Mir war zu dem Zeitpunkt nur unterschwellig klar, dass ein Arbeiten in meinem Beruf für mich gar nicht mehr möglich war. Nachdem es dann Absagen hagelte, war ich wieder auf einem Tiefpunkt angekommen und quasi von einem Tag auf den anderen versagten meine Ohren nahezu vollständig.

Schon während meiner Umschulung wurde ich zufällig durch eine Internet-Bekanntschaft auf das Cochlea Implantat aufmerksam. Ich hatte den Begriff zwar schon mal gehört, doch wusste ich nicht wirklich, was das ist. Ich war zu der Zeit auch häufig im Uni-Klinikum in Kiel in Behandlung und dort wurde mir dieser Begriff auch genannt. Nur wären meine Ohren dafür noch zu gut, hieß es. Eine nähere Erklärung folgte da aber auch nicht, in meiner Unsicherheit und Unkenntnis hatte ich allerdings auch nicht weiter nachgefragt. Jedoch fragte ich mich nun ständig, ob das CI eventuell für mich der Strohhalm ist, nach dem ich suchte, und warum mir nicht auch meine anderen HNO-Ärzte davon erzählt haben, wenigstens um mir zu sagen, dass es da noch eine Alternative gibt. Erst als es nach meiner Umschulung auch mit Hörgeräten nicht mehr ging, erfuhr ich dann von den Ärzten in Kiel, dass jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen sei, an dem ein CI für mich in Frage käme.

Nach den üblichen Voruntersuchungen darüber, ob die medizinischen Voraussetzungen gegeben waren, lag es nur noch an mir, mich zu entscheiden. Ich zögerte nicht, sagte sofort zu und erbat einen Operationstermin. Diesen bekam ich dann für Februar 2004.

Die Operation war nicht wirklich schlimm, zumal ich Krankenhäuser und Operationen in meinem Leben aufgrund einer Knochenerkrankung (Glasknochen) schon oft genug hinter mich gebracht hatte. Einen guten Monat später bekam ich dann meinen Sprachprozessor Nucleus ESPrit 3G und war nach der ersten Einstellung erschrocken: Alles piepte und pfiff und ich dachte: Das wird ja nie was! Doch schon nach den ersten Korrekturen konnte ich Sprache verstehen. Es war anfangs sehr anstrengend, mich zu konzentrieren, doch merkte ich schnell, welchen guten Dienst mir das CI leisten würde. Ich hatte sehr schnell fast alles verstanden – ich sei ein Überflieger, sagte mir die Pädagogin und sie wusste bald schon nicht mehr so richtig, was sie mit mir üben sollte… Nach einer Woche konnte ich sogar mit dem Handy telefonieren. Bis heute setzen sich die kleinen Schritte der Verbesserung fort. Ich merke immer noch Änderungen…

Durch das CI habe ich nach einem halben Jahr wieder Arbeit, Spaß am Leben gefunden und sogar die zusätzlichen Pfunde wieder verloren. Das war ein langer Weg zu einer guten Entscheidung, der bestimmt hätte verkürzt werden können, wenn ich die Möglichkeit des CIs schon früher hätte nutzen können.

Volker Suhr

Oxbüll-Süd 15

24999 Wees

 

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